#13: Please don‘t keep it “Reel”!

Lieber Anno, große Firmen kämpfen um die Aufmerksamkeit der jungen Menschen. Und es würde mich nicht weiter stören, würde der Kampf nicht meinen Verstand in Mitleidenschaft ziehen. Ein neuer Trend geistert durch das Netz: Tanzen, was das Handy hält. TikTok brachte ihn ins Rollen und Instagram will Teil der globalen Tanzlawine sein und führte dafür die sogenannten “Reels” ein. Dafür ist jedes Mittel recht: auch die Unanständigkeit.

Nein, nein, ich will den jungen Menschen nicht das Tanzen madig machen. Warum sollte ich? Zwar empfinde ich das stets nur fünfzehnsekündige Schaugehopse mit schlechter Lippensynchronisation als geistig wenig erbaulich – bestehen die Clips doch ohnehin bloß immer nur aus demselben Bausatz Hinterngewackele, Augengezwinkere, Brüstegerecke und Händegefuchtele –, aber was steht es mir zu, die Jugend für ihren Spaß zu verurteilen?

Schließlich lief auch ich in meiner Minderjährigkeit sinnfreien Trends und dummen Dingen hinterher – um Aufmerksamkeit zu bekommen, war nichts absurd genug. Das ist nun einmal ein Teil der adoleszenten Entwicklung und vermutlich auch ein sehr gesunder. Und so sage ich: Tanzt, junge Menschen, tanzt, als gäbe es kein Morgen. Aber denkt daran, dass das Internet nicht so schnell vergisst und es eben doch ein Morgen gibt, in dem Ihr mit dem werdet Leben müssen, was Ihr gestern ins Netz gestellt haben werdet.

Nun will ich Dir aber sagen, Anno, was mich stört. Wenn ich durch Instagram surfen möchte, durch den Explorer, dann habe ich keine Wahl, was ich zu sehen bekomme und was nicht. Dem Netzwerkunternehmen, das um jede Sekunde Videowiedergabe kämpft, weil es damit Geld verdient, scheint jedes Mittel recht zu sein. Denn auch mir, einem vierzigjährigen Mann, werden ungefragt und unerwünscht Videos vorgeführt, die minderjährige Mädchen dabei zeigen, wie sie versuchen, aufreizend zu tanzen. Keine Chance, die tanzenden Gören abzuschalten. Instagram will das nicht. Lange habe ich recherchiert, wer die sogenannten Reels nicht sehen will, der darf die App nicht nutzen.

Ich finde das Unanständig. Man stelle sich vor – im echten Leben –, ein vierzigjähriger Mann wollte sich in einem Modern-Dance-Kurs für sechzehnjährige einschreiben! Dieser Gedanke ist so unanständig, dass das in der Wirklichkeit vermutlich nicht ein einziges Mal geschehen ist. Aber im Virtuellen, da toleriert Instagram genau diese Situation täglich millionenfach: Alte Männer, die jungen Dingern auf den mit glitzernden Sternchen verzierten Körper glotzen. Auch, wenn die dabei angezogen sind. Jeder, der ein solches Reel schon mal sehen musste, der weiß, was angezogen in dem Fall heißen mag.

Sollen sie doch! Sich so viel mit glitzernden Sternchen überziehen, wie sie wollen. Aber lass mich das bitte abschalten, Instagram, bitte bitte, gib mir einen Button, einen deiner mächtigen Buttons, die einen Algorithmus triggern, um dem Trauertanzspiel ein Ende zu bereiten. Zeige mir bitte bitte nur, was ich sehen will! Zeige mir bitte bitte nicht, was ich unanständig finde. Und erzähle mir nicht, Du wüsstest nicht, wie alt ich bin. Du weißt doch so vieles über mich, den heiligen User, wenn nicht sowieso alles, was Du wissen musst, und könntest, wenn Du wolltest, verhindern, dass ich Dinge zu sehen bekomme, die nur Du willst, dass ich sie sehe, aber nicht ich. Lass mich bitte bitte in Ruhe.

Anno, wir müssen noch viel lernen. Die sozialen Medien sind ein neues Spielzeug der Menschheit. Wer weiß, was noch alles geschehen wird bis in das Jahr 2520, in dem Du geboren wirst: Was wir noch alles falsch machen müssen, bis wir lernen, wie man vernünftig mit Netzwerken umgeht, und bis wir verstanden haben, wie viel Unheil sie bringen.

Instagram jedenfalls, das ist das Netzwerk der tabuisierten Pornographie: Foodporn, Fitnessporn, Beachporn, Funporn und nun halt auch noch Danceporn. Nur Pornporn, das gibt es natürlich nicht. Das wäre viel zu unanständig. Instagram, Du sagst, Du willst, dass die User positive Erlebnisse machen. Aber was ich bei Usern erlebe, ist alles andere als positiv: Ich erlebe Gier und Sucht und Neid und den fortwährenden Wunsch, das zu haben, was andere haben, um einen Bruchteil von Aufmerksamkeit in der weltweiten Herzchenmaschinerie abzukommen.

Wenn Du, Instagram, wirklich willst, dass ich positive Dinge bei Dir erlebe, dann lass mich bitte selbst entscheiden, was ich sehen will und was nicht. Und ein gut gemeinter Rat an alle nimmermüden Ballerinas da draußen, die mich durchs Display antanzen: Glaubt nicht, dass Euch nur diejenigen zu sehen bekommen, von denen Ihr wollt, dass sie Euch sehen. Instagram zeigt Eure augenzwinkernden und popowackelnden Tanzeinlagen auch denjenigen, die das nicht sehen sollten oder gar: nicht sehen dürften.

Seht es mal so: Wie alt der Finger ist, der Euch ein Herzchen schenkt, das seht Ihr dem Herzchen nicht an.

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