#12: Verwählt – gegen das Wider spricht nur das Dafür

Lieber Anno, uns fliegen gerade Wahlen um die Ohren. Anders kann man das kaum sagen. Das ist ein sehr beunruhigender Moment in meinem Jahrhundert. In Weißrussland hat eine Wahl stattgefunden, die keine Wahl war. In den Vereinigten Staaten steht eine Wahl bevor, die droht, keine Wahl zu werden. Und nicht mehr lange, da steht auch in Deutschland wieder eine Wahl an – eine Wahl, bei der man fürchten muss, dass sich viele Wähler*innen wieder verwählen werden.

Nun, eigentlich darf ich das so ja gar nicht sagen. Denn eine Wahl ist nur dann eine richtige, freie Wahl, wenn der Wähler das Recht hat zu wählen, was er will. So widersinnig seine Wahlentscheidung auch sein sollte. Selbst die Entscheidung, gar nicht wählen, ist legitim. Dumm mag es sein, aber hey, solange Wahlzettel aufgrund von Dummheit nicht ihre Gültigkeit verlieren, bleibt sie ein zu akzeptierender Teil jeder Wahl. Na immerhin: Dummheit ist unparteiisch – insofern gleiches Recht, daneben zu liegen, für alle.

Aber wenn ich sage, die Menschen werden sich verwählen, was ja heißen will, das Kreuz an der falschen Stelle zu setzen, dann meine ich damit nicht, dass ich den Anspruch erhebe zu wissen, an welcher Stelle das Kreuz richtig wäre – wer kann schon abschätzen, was richtig und falsch ist? Nein, auch ich kann das nicht wissen, Anno. Aber ich will Dir sagen, was ich darunter verstehe, das Kreuz an der richtigen Stelle zu setzen: Für mich ist das keine Frage der Intelligenz, sondern eine des Motivs.

Denn ganz gleich, wie groß das Angebot sein mag, jede Wahlentscheidung lässt sich am Ende auf nicht mehr als zwei Motive herunterbrechen: dafür oder dagegen. Die Wähler geben ihre Stimme entweder für etwas – Klimapolitik beispielsweise. Oder sie geben ihre Stimme gegen etwas – wie zum Beispiel Klimapolitik.

Und ich bin überzeugt, Anno, das Unkraut im politischen Garten meiner Gegenwart, wurzelt im „Dagegen“.

Die Verwähler*innen sind immer dagegen, dagegen, dagegen, zornig ziehen sie das Dagegen groß und immer größer, wässern es mit Vorbehalten und düngen es mit Ahnungslosigkeit, denn selbst haben sie doch keinen blassen Schimmer, wohin die Reise gehen sollte, aber bevor sie andere mal machen lassen, sind sie lieber grundsätzlich und mit großem Eifer dagegen: Solange das Schiff nicht in See stechen kann, kann es auch niemanden hinter sich lassen.

Doch: Wer bei einer Wahl sein Kreuzchen setzt, nur um ein Zeichen dagegen zu setzen – nur um gegen das zu sein, was die anderen Vorschlagen –, dem bleibt die Enttäuschung über die falsche Richtung nicht erspart. In politischen Gewässern gibt es keine Flaute und so wird das Boot in irgendeine Richtung steuern müssen und wem von Herzen aus jedes Ziel von vornherein verhasst ist, der kann auch nie zufrieden sein mit dem Hafen, der erreicht wird – ganz gleich welcher es sein mag.

Ich fürchte, so wird es sein im nächsten Jahr: Viele Menschen werden sich verwählen. Der Grund, der sie zur Urne treibt, wird das Dagegen sein, nicht das Dafür. Das wäre nicht so schlimm, wenn es nicht mittlerweile Profiteure des Dagegens geben würde: Die Richtungslosen, deren einziges Ziel es ist, an Ort und Stelle zu treten. 

Vermutlich werden wir in Deutschland bis zu Deiner Geburt, Anno, im 26. Jahrhundert noch einige der 125 Wahlen verhauen. Aber vielleicht werden die Menschen auch lernen, ihre Stimmen sinnvoll einzusetzen, indem sie sich für etwas entscheiden und für eine Richtung stimmen – und nicht dagegen. Wer für das eine ist, muss derweil nicht automatisch für alles andere sein. Quatsch. Aber wer für das Eine ist, der schließt damit das Andere nicht aus.

Dem aber, der gegen alles ist, dem bleibt kein Dafür – ihm bleibt nur das Wider übrig. 

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