#11: Für das Leben gibt es kein Ladekabel

Lieber Anno, ich frage mich, wie Du, als Kind des 26. Jahrhunderts, in die virtuelle Ferne schauen wirst? Was für eine Technologie wird Dir farbige Bilder von fernen Orten vorflimmern, welche Art von Medium wird Dir fesselnde Geschichten erzählen und wie wirst Du mit den Menschen, die Dir etwas bedeuten, telefonieren?

Ob es im 26. Jahrhundert noch Bildschirme geben wird? 

Oder ob die Gehirne der Menschen dann schon mit Elektroden versehen sein werden und installierte Chips neben den Augen Bilder auf der Netzhaut erzeugen, sodass Bildschirme längst ausgedient haben? Oder ob eine Technologie – von der wir heute noch keinen blassen Schimmer haben, wie sie aussehen könnte – die dritte Dimension durchbrechen wird, sodass die Menschen das Interesse an den zweidimensionalen Scheiben verlieren werden?

All das, lieber Anno, haben wir im 21. Jahrhundert noch nicht. Stattdessen haben wir Bildschirme, auf denen wir uns allerhand anzeigen lassen. Plötzlich waren sie da, die Bildschirme, plötzlich waren sie bunt, plötzlich flach, plötzlich winzig klein. Quasi über Nacht waren sie da und rissen ein Loch in das, was wir einst als Realität begriffen. Als ständiger und treuer Begleiter, aus dem Leben kaum mehr wegzudenken, transportieren sie unseren Geist nun zu jeder Zeit, da wir es wünschen, an ferne Orte und Zeiten. Schalten wir sie ein, strahlt uns das Licht anderer Welten an, Bildschirme sind Fenster in andere Dimensionen.

Bildschirme sind Segen und Fluch zur selben Zeit, Anno. Segen, weil sie in unseren Handflächen Schnittstellen öffnen, die Raum und Zeit durchbrechen können. Fluch, weil sie dafür unsere Zeit einsaugen, genauso wie es Schwarze Löcher tun, denen nichts entkommen kann – nicht mal das Licht. Aber weil sie hell erstrahlen, erkennen wir Bildschirme nicht als die Schwarzen Löcher, die sie sind. Und so merken wir auch nicht, wie sie uns Lebenszeit abzapfen, die für immer verloren ist.

Aber es ist nicht so, als wüssten wir nicht Bescheid. Wir haben sogar einen Begriff dafür gefunden: Bildschirmzeit. Und weil Geräte alles zählen, was sie zählen können, zählen sie auch, wie viel Zeit die Menschen vor ihrem Bildschirm sitzen. Ich verrate Dir, was mein Taschentelefon gezählt hat letzte Woche: „Bildschirm war fünf Prozent Ihrer Zeit aktiv“. Das sind 72 Minuten jeden Tag.

72 Minuten pro Tag sind 504 Minuten pro Woche sind 26.208 Minuten im Jahr, also 436,8 Stunden also 18,2 Tage. Na klar, eben fünf Prozent des Jahres. 18 Tage, das ist der Preis, den ich zahle, um in ferne Welten zu reisen. Und wenn sie schlecht sind, die Reisen, dann ist die Zeit für immer verloren. Denn für Lebenszeit gibt es keine Reiserücktrittversicherung.

Ich gebe zu, Anno, meine Bildschirmzeit hat wohl längst ein vernünftiges Maß überschritten. Denn die Zahl da oben ist keine ehrliche. Weil es nicht der einzige Bildschirm ist, den ich verwende. Manchmal nutze ich sogar mehrere Bildschirme gleichzeitig. Am Ende des Tages fühlt es sich so an, als hätte ich meine Lebenszeit doppelt so schnell als sonst verloren.

Und wir merken es, Anno, dass die Zeit uns durch die Finger gleitet. Denn wir haben angefangen zu rennen. Wir rennen unserer verlorenen Zeit hinterher, so als könnten wir sie an der nächsten Ecke wieder einholen. Aber das können wir nicht. Wenn die Zeit einen Vorsprung hat, gibt sie ihn nicht wieder her. Und trotzdem rennen wir, einen Lauf, den wir nicht gewinnen können.

Und so geschieht, was geschehen muss: Den Bildschirm fest im Blick vergessen wir zur Seite zu schauen, wo das Leben an uns vorbeirauscht. Und wenn der Akku leer ist, brauchen wir auch nicht nach dem Ladekabel zu suchen, denn das Leben lässt sich nicht wieder aufladen.

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anno#11