#10: Wer nicht an das Gute glauben mag, dem ist nicht zu helfen

Lieber Anno, auf den Straßen versammeln sich Menschen, weil sie so feste an eine eigene Version der Wirklichkeit glauben, dass sie sogar bereit sind, ihr eigenes Leben dafür aufs Spiel zu setzen. Zugegeben: Seit dem Tag, an dem das Virus über uns hereinbrach, fällt es auch mir gelegentlich schwer zu glauben, nicht zu träumen. Die Wirklichkeit verlangt uns momentan viel ab: Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht.

Manchmal weiß ich nicht weiter, manchmal leide ich gar, meistens aber schaffe ich es, die Tage frohsinnig und gestalterisch anzupacken. Und so, wie ich das wahrnehme, verbringen die allermeisten Menschen ihre Zeit: Sie sind fröhlich und schöpferisch – auch die, die es hart getroffen hat.

Aber einige Menschen – ich will sie „die Hilflosen“ nennen – scheitern an der Wirklichkeit. Nicht etwa deshalb, weil sie um ihr Leben bangen müssen. Sondern deshalb, weil ihnen die Wirklichkeit lediglich auf den Sack geht. Arm sind sie im Herzen und im Geist: Ihnen fehlt das Vertrauen, haben keine Hoffnung und die Zuversicht längst verloren. 

Stattdessen treibt sie die Hilflosigkeit, nichts ändern zu können, weil sich die meisten Menschen längst einig sind, was wahr ist und was nicht und sich nicht beirren lassen, das treibt sie in den Zorn, der auf der Straße explodiert. Sogar die Grundlagen der Mathematik, der unantastbaren Gestalt der Wirklichkeit, wollen sie aushebeln: In Tausenden erkennen sie Millionen – die Nullen im Geiste.

Und doch sind sie schöpferisch, die Hilflosen. So basteln sie an der Wirklichkeit herum, was nicht passt, wird passend gemacht, bis ihre Wirklichkeit endlich alternativ genug ist. Während die Wissenschaft fortschreitet und sich ständig mit neuen Erkenntnissen selbst überholt und sich dem entledigt, was sie als falsch erkennt, beharren die Hilflosen auf jede längst verwitterte Gedankensäule, weil ihre Konstruktion der Wirklichkeit auf solch dünnen Stängelchen gebaut ist, dass sie zusammenfallen würde, wenn nur ein einziges Klötzchen zerbröseln sollte.

Ziellos sind sie, die Menschen auf der Straße, denn außer ihrem Zorn haben sie doch nichts: Weder Vertrauen, noch Hoffnung, noch Zuversicht – aber auch keine Lösung und deshalb kein Gehör. Niemand mag ihnen zuhören. Und sie wissen selbst, dass sie mit jedem Tag, da ein Impfstoff näher rückt und sie die Transparente schwingen, gnadenlos in die Bedeutungslosigkeit hinein demonstrieren. Hand aufs Herz, was interessiert eine Gefahr, wenn sie erst gebannt ist?

Sie tun mir Leid, die Hilflosen, Anno. Ich meine das nicht zynisch. Ich empfinde keinen Zorn, sondern tiefes Bedauern. Weil sie so viel Lebenszeit und Energie verschwenden mit einem Hirngespinst, das nichts hervorzubringen imstande ist – außer Kummer. Nicht bloß, weil sie ihre Mitmenschen mit Häme übergießen, indem sie kotzende Smileys im Internet verteilen. Sondern auch sie werden am Kummer kranken, wenn sie die niederschmetternde Erkenntnis ereilt, das eigene Leben mit Sinnlosigkeit gefüllt zu haben.

Werden Sie am Ende ihres Lebens, wenn die Geschichte in Büchern geschrieben stehen wird, stolz darauf sein, Menschen mit Gefühlen dafür beschimpft zu haben, dass sie bereit waren, eine Maske zu tragen? Macht es sie denn ausgeglichen und zufrieden – so wie die Glückseligkeit eines Strandurlaubs –, wenn sie ihren Mitmenschen, die auf Abstand achten, zeigen, wie sehr sie sie dafür verachten?

Mir fällt es schwer zu glauben, dass die Hilflosen am Ende ihres Lebens stolz sein werden auf das, was sie tun. Eines Tages, glaube ich, werden sie sehr leiden. Weshalb ich Mitleid mit ihnen habe. Auch mit denjenigen, die diesen Brief an Dich, kommentieren werden. Du wirst Dir Dein eigenes Bild machen können von dem, was sie zu sagen haben. Sie sprechen für sich.

Wie man mit den Hilflosen umgehen sollte, fragst Du mich? Darauf weiß wohl niemand einen guten Rat. Ich denke, dass sie mehr Nachsicht und Gelassenheit verdient haben. Jedweder Dialog mit ihnen ist längst zum Scheitern verurteilt, der Graben ist zu tief gegraben und die Flut der Verschwörungen, die den Graben füllte, hat die Brücken des Gesprächs fortgerissen.

Und deshalb scheint mir doch das Sinnvollste zu sein, wenn wir sie und ihren dünnen Argumentchen ignorieren und ihnen die kalte Schulter zeigen, wenn sie mit aberwitzigen Provokationen um Aufmerksamkeit buhlen. Wenn Sie unsere Aufmerksamkeit verlieren, dann bleibt ihnen gar nichts mehr – außer ihrem Zorn. Aber den müssen sie dann selbst ertragen.

Drei Dinge will ich Dir auf den Weg geben, Anno: Vertrauen, dass die meisten Menschen vernunftbegabt sind; Hoffnung, dass alles Gut ausgehen wird; und Zuversicht, dass die Menschheit alle Probleme wird lösen können, wenn sie denn nur zusammenhält. 

Wer daran nicht glauben mag, dem vermag niemand zu helfen.

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anno#10