#9: Du machst Dir kein Bild von einem veganen Propheten

Lieber Anno, ein zorniger Mann zieht dieser Tage sehr viel Aufmerksamkeit auf sich. Und ich befürchte, wenn wir nicht Acht geben bis zu Deiner Geburt in 500 Jahren, dann wird aus seinem Zorn eine neue Religion erwachsen sein. Und der Name ihres Propheten wird da lauten: Attila von Berlin.

Siehst Du, dieser Attila rennt gerade herum, brüllt wütende Reden in Megafone und ruft eine neue Weltordnung aus. Irgendwann in den vergangenen Monaten, seitdem das Virus ausgebrochen ist, muss es auch bei ihm ausgebrochen sein – nein, nicht das Virus, ich meine die Erleuchtung. Oder, ähm, vielleicht nicht unbedingt “die” Erleuchtung, aber irgendeine Art von Bewusstseinserweiterung ausgelöst von einer Überdosis YouTube.

Attila pflegte immer schon zu predigen, man kennt ihn eigentlich nicht anders, man hätte es ahnen können, dass das passieren wird. Früher aber, da ging es ihm noch nicht um die Welt, sondern erstmal nur um eine neue Ernährungsordnung.

Attila Hildmann

Nein, ich will es eigentlich nicht, weil es mir tief drinnen graut davor, aber ich tue es doch: Es gibt Momente, da erinnert mich Attila Hildmann an Jesus von Nazaret: Jesus war auch unzufrieden mit den Dingen, wie sie seinerzeit liefen. Und bald fing er an, das bestehende System laut zu kritisieren. Ich stelle mir vor, wie sich die Menschen vor 2000 Jahren genauso an die Stirn fassten, wenn sie Jesus zuhörten, wie sie sich heute an die Stirn fassen, wenn sie Attila predigen hören. 

Ehe sich Jesus jedenfalls versah, stand das Christentum auf der Schwelle der jungen Menschheitsgeschichte. Nicht von heute auf morgen natürlich: Die deutsche Bibelgesellschaft sagt nämlich, dass die Bibel, wie wir sie heute kennen, erst 400 Jahre nach Christi Geburt vorlag. Und deshalb wiederhole ich: Wenn wir nicht Acht geben bis zu Deiner Geburt in 500 Jahren, Anno, wirst Du im Religionsunterricht eine Schriftsammlung durcharbeiten, deren theologisches Fundament auf den Schriften des Propheten selbst beruht: “Vegan for fun”, “Vegan for fit” und “Vegan to go”.

Ich stelle mir also vor, wie Du in der Schule lernst, wie sich im 21. Jahrhundert die sechste Weltreligion entwickelte: der Hildmannismus. Und erkennen wirst Du seine Jünger daran, dass sie tierische Produkte verschmähen. Denn der Herr sprach, du sollst nicht begehren, Eier und Milch. Und Dein Lehrer wird im Religionskochunterricht die Pracht des Sterns beschreiben, der die Ankunft des Propheten der neuen Weltordnung verkündete:

Neowise am 27. Juli 2020

Ich beschwöre meine Nachfahren, alle 13 Generationen, nicht dem Hildmannismus zu verfallen, sodass Dir, Anno, die streng vegane Taufe erspart bleibe, trotzdem ich glaube, dass die Menschen bald eh kein echtes Fleisch mehr auf dem Speiseplan haben werden, darum geht’s mir nicht, nein, vielmehr gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Attila von Berlin und Jesus von Nazaret, der die Vernünftigen davon abhält, dem falschen Propheten zu folgen: 

Jesus ließ sich mit den Händen an ein Kreuz nageln und verkündete Nächstenliebe. Attila ließ sich mit Waffen in der Hand ablichten und verkündete Gewalt. Das ist schon ein Unterschied, den man für das Wertesystem einer daraus resultierenden Weltordnung als wesentlich betrachten sollte. Also, da muss ich jetzt allen, die nach mir kommen, geradewegs ins Gewissen reden: Ihr könnt Euch nicht beschweren, man hätte Euch nicht gewarnt!

Dinge kündigen sich an. Sie kommen nicht über Nacht. Und sie fangen im Kleinen an: Erst kommen die Prediger, dann die Kirchen. Und ohne Jünger ist Attila Hildmann nur ein Koch. Einer, der sich das Kochen selbst beigebracht hat. Seine Rezepte mögen hilfreich sein, seine Weltanschauung ist es nicht.

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