#8: Dank der Maske zeigt sich nun das wahre Lächeln

Lieber Anno, ich hoffe, Du hast gut zu Lachen im 26. Jahrhundert. Lachen, sagt eine Redensart meiner Zeit, ist die beste Medizin. Jetzt, wo ich drüber nachdenke, habe ich den Satz schon lange nicht mehr gehört. Vielleicht, weil die Menschen gerade nicht viel zu lachen haben. Vielleicht auch, weil lachen unter normalen Umständen eine gute Medizin sein mag, vor dem Coronavirus aber schützt das Lachen nicht.

Wenn man es genau nimmt, ist sogar das Gegenteil der Fall. Wer laut lacht, atmet dabei aus. Und setzt Aerosole frei. Und infiziert damit seine Mitmenschen! Oh je, da haben wir es also: Menschen, die viel und laut lachen, sind in Wirklichkeit “Superspreader” – so nennen wir diejenigen Menschen, die viele andere anstecken.

Aha, beste Medizin, genau! Wer hier nochmal einen guten Witz reißt, dem soll das Lachen im Corona-Hals stecken bleiben!

Wollen wir die Pandemie eindämmen, müssen wir damit aufhören zu lachen. Sofort. Im Deutschland dieser Tage, Anno, ist das wenigstens gar nicht so schwer. Denn viel zu lachen haben wir grundsätzlich nicht.

Wenn man den Menschen am Stammtisch glauben mag, ist in Deutschland eh immer alles schlecht: die Politik, die Arbeit, das Wetter. Sogar die Komiker machen nur schlechte Witze. Damit haben die Stammtischbrüder und -schwestern ausnahmsweise recht. Viel zu Lachen haben wir in Deutschland wirklich nicht.

Dabei wütet das Virus überall auf der Welt sehr viel mehr als in unserem Land, in dem sich die Menschen eigentlich ganz gerne an Regeln halten. Hier geht das Virus den Menschen eher auf die Nerven als auf die Lunge. Was sie mehr dazu veranlasst, alles, was mit dem Schutz davor zu tun hat, unerträglich zu finden.

Dass sie eine Maske tragen müssen. Unerträglich!

Im Absurden suchen und finden sie Gründe dafür, warum die einfache Stoffmaske – deren Gebrauch uns immerhin ein gewisses Maß an Normalität ermöglicht – menschenunwürdige Tortur bedeutet. Ich muss dann immer an die Ärzte und Ärztinnen und Pfleger*innen im Krankenhaus denken, die stundenlange Operationen hinter Masken zu überstehen haben. Den Stammtischexpert*innen zufolge sind die alle dem Tode geweiht, die armen.

Ich derweil kann der Maske auch viel Positives abgewinnen. Seit der Maskenpflicht habe ich jedenfalls keinen Mundgeruch mehr riechen müssen. Und wenn ich ehrlich sein soll, finde ich, dass die Maske vielen Menschen optisch schmeichelt. Denn sie verdeckt nun mal diejenigen Gesichtspartien, die Schönheitschirurg*innen zum Wohlstand verhelfen: Nasen und Münder.

Groß, klein, dick, dünn, knubbelig oder krumm sind doch nie die Augen, sondern wenn, dann die Nase. Und von aufgespritzten Lidern habe ich bislang noch nichts gehört. Die Augen sind nun mal das schönste Etwas im Gesicht des Menschen. Die Maske unterstreicht die Schönheit der Augen. Ja, manche kleben Wimpern dran, und gewiss, da mag es Fältchen geben. Aber diese sind doch nur ein Überbleibsel von zu vielen fröhlichen Momenten im Leben. Geschichten, die Fältchen an den Augen erzählen, sind von sich aus schön.

Und dann bleibt da noch das Lächeln. Nach dem nun verpönten großen Bruder, dem Lachen, wohl die zweitbeste Medizin – doch die hygienisch reine. Das Lächeln, monieren viele, bliebe hinter der Maske verborgen. Dem widerspreche ich:

Nur das falsche Lächeln wird von der Maske versteckt, Anno. Das wahrhaftige Lächeln kann die Maske nicht verbergen. Das verstehe ich nun. Denn das wahrhaftige Lächeln lässt sich nicht von Lippen ablesen, sondern von den Augen.

Paul Ekman

Achtzehn verschiedene Arten von Lächeln identifiziert der Mimikforscher Paul Ekman. Wer so wie er die Gesichtsmuskulatur der Menschen analysiert, der wird alle achtzehn voneinander unterscheiden können, was für ein Gefühl oder was für eine Absicht dahinter steckt.

Nur ein einziges davon ziert unser Gesicht, wenn unser Lächeln einer puren und ehrlichen Freude entspringt. Nur ein einziges. Dann zieht ein einziger Muskel unsere Mundwinkel auseinander, schiebt die Wangen leicht nach oben und spannt die Lippen. Alle anderen Muskeln der unteren Gesichtshälfte bleiben entspannt. Allerdings – und das macht den großen Unterschied – ziehen sich die Muskeln um die Augen herum leicht zusammen und heben die unteren Lider an.

Dann strahlen wir über das ganze Gesicht. Und dann kann auch keine Maske mehr unser Lächeln verbergen, jeder wird es sehen. Sieh den Menschen in die Augen, Anno, und du wirst merken, ob sie ehrlich lächeln. Und wenn die Augen reglos sind, dann haben die Augen etwas zu verbergen, aber nicht die Maske.

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