#7: Wie lange noch werden Zahnärzte mit eigenen Händen bohren?

Lieber Anno, ein abgebrochener Zahn veranlasste mich dazu, mal wieder eine „Fachkraft für Zahnmedizin“ aufzusuchen. Eigentlich wollte ich „Zahnarzt“ schreiben, so nannte man die Mediziner*innen, die sich um Zähne kümmern, all die Jahrzehnte zuvor. Aber weil das heutzutage geschlechterpolitisch nicht mehr korrekt ist, habe ich in einem gendergerechten Wörterbuch nachgesehen und dort den Begriff „Fachkraft für Zahnmedizin“ gefunden. 

Ich will mir Mühe geben mit geschlechtergerechter Sprache. Schon allein deshalb, weil ich nicht meinem Urgroßvater in der Vergangenheit schreibe, der das nicht verstehen würde, sondern Dir, meinem Urenkel in der Zukunft, der längst eine neue Sprache im Gebrauch haben wird, in der das Gendern wohl schon seit Jahrhunderten gang und gäbe ist. Aber das Feld der gleichberechtigten Sprache ist menschheitsgeschichtlich so neu, dass für mich noch lange nicht alle Minen aus dem Weg geräumt worden sind. Ich befürchte, dass ich auf die eine oder andere noch treten werde.

Zum Beispiel jetzt: Offen gestanden finde ich den Begriff „Fachkraft für Zahnmedizin“ ziemlich doof. Als begriffliche Alternative ist das stark verbesserungswürdig. Also, wäre ich Ärztin oder Arzt, dann würde mich das ärgern, wenn ich jetzt auf einmal nicht mehr Ärztin oder Arzt wäre, sondern nur noch Fachkraft. 

Nichts gegen Fachkräfte! Fachkräfte sind gut ausgebildete Menschen mit wertvollen Fachkenntnissen. Aber Zahnarzthelfer*innen sind ebenfalls Fachkräfte. Und zwischen Ärztin und Helferin gibt es immer noch einen Unterschied. Der Begriff „Fachpersonal“ mag geschlechtergerecht sein, aber ausbildungsgerecht ist er nicht. 

Für heute reicht es, wenn ich Ärztin schreibe. Denn meine neue Fachkraft für Zahnmedizin ist hilfreicher Weise eine Frau. 

Zurück zu meinem abgebrochenen Zahn: Während ich so da lag auf dem zurückgelegten Stuhl und die beiden Fachkräfte für Zahnmedizin – ich sag doch, dass das nicht funktioniert – mit Fingern, Saugern und Bohrern in meinem Mund herumfuhrwerkten, musste ich an Dich denken, Anno: Wie wird das wohl für Dich sein, wenn Dich ein abgebrochener Zahn zur einer Fachkraft für Zahnmedizin im Jahr 2550 zwingen wird? Da wirst Du 30 Jahre alt sein.

Weißt Du, ich finde ja, dass man den medizinischen Fortschritt nirgends so gut beobachten kann, wie beim Zahnarzt. (Jetzt ist er mir also doch durchgerutscht!). Denn im Normalfall ist das der einzige Arzt, den wir regelmäßig besuchen und der uns regelmäßig behandelt. Jedes Mal, wenn ich hingehe, fallen mir neue Methoden und Therapien auf. Das, was ich als kleiner Junge beim Zahnarzt erlebte, ist nichts im Vergleich zu dem, was ich jetzt erleben durfte: Es ist so sanft und angenehm geworden, dass man bald von Wellness sprechen kann.

Wenn ich allein den zahnmedizinischen Fortschritt betrachte, den ich Zeit meines kurzen Lebens mitverfolgen konnte, dann glaube ich, dass es in 500 Jahren jedenfalls keine Menschen mehr sein werden, die Bohrer in die Münder ihrer Patienten stecken. Wenn überhaupt noch von außen behandelt werden sollte, dann vermutlich von einem Roboter, der präziser arbeiten wird als es ein Mensch jemals könnte. Vielleicht ist das ja schon in 100 oder 200 Jahren der Fall. 

Bis zu Deinem Jahrtausend werden es nochmal weitere 300 Jahre sein. Vermutlich wird es dann gar kein Fachpersonal für Zahnmedizin mehr geben. Weil Du Zahnbürsten nur noch aus dem Museum kennst. Bitte lache nicht über uns, wir hatten doch nichts Besseres! Wir hatten noch keine Mikroroboter, wie Du, die uns tagtäglich den Mund bis in den letzten Winkel reinigen und schleifen und polieren, sodass ein Besuch beim Fachpersonal für Zahnmedizin – für das wir also gar keinen neuen Begriff suchen müssen, weil der Beruf bis in Deine Zeit eh ausgestorben sein wird – gar nicht mehr nötig sein wird für Dich.

Solltest Du aber doch zum Fachpersonal für Zahnmedizin gehen, Anno, dann genieße es und denke daran, dass die Menschen vor 500 Jahren noch Spritzen in den Mund gerammt bekommen haben. Und die Ärzte und Ärztinnen noch mit echten Messern behandelten, das Zahnfleisch aufschnitten und Zähne herauszogen. Auch wenn es jedes Jahr sanfter wird, im Gegensatz zu Deiner Zeit, fließt beim Zahnarztbesuch in meiner Zeit immer noch Blut.

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anno#7