#6: Hoffentlich hängen niemals Leopardenmuster in den Museen

Lieber Anno, es gibt Momente, da schäme ich mich für meine Zeitgenoss*innen, wenn ich sie bloß sehe. Und wenn ich dann darüber nachdenke, warum sie diese Dinge tun, die sie tun, dann komme ich häufig doch auf keine Lösung.

Vor wenigen Tagen, da lief eine Frau an mir vorbei. Sie war vielleicht bald 30 Jahre alt, blond und hochgewachsen und sie hatte ein paar mehr Kilos drauf, als es ästhetisch ratsam gewesen wäre. Weißt Du, eigentlich bin ich da gar nicht so. Ein paar Kilos zu viel, das ist in meiner Zeit und meinem Land nichts Ungewöhnliches. Das allein ist der Rede noch nicht wert.

Aber Du musst wissen, dass es momentan angesagt ist, dünn und sportlich auszusehen. Vermutlich deshalb, weil das nicht so einfach hinzukriegen ist wie dick und faul. Das war auch mal anders. Was Pfunde anbelangt, hat das europäische Schönheitsideal über die Jahrhunderte hinweg ganz schön geschwankt. 

Doch obwohl das Ideal heutzutage anderes vorgibt, wird es von erstaunlich wenigen erfüllt.

Ich sag es mal so: Das Angebot für rundgefutterte Sofalümmler war wohl noch nie so gut wie heute. Nur diejenigen, die nicht auf Frittiertes, sondern auf Fitness stehen, müssen sich derzeit richtig anstrengen. Denn die unausgesprochene Regel des Partnerwerbegeschäfts lautet nun mal: Willst Du Fitness haben, musst Du Fitness bieten.

Doch zurück zu der Frau, die meinen Weg kreuzte. Ich will ihr nicht Unrechtes tun. Möglicherweise ist sie fitter als ich. Wie fit Menschen in Wirklichkeit sind, sieht man ihnen nicht unbedingt an. Ich selbst bin das beste Beispiel dafür: Ich bin sehr viel aktiver, als ich aussehe. Und trotzdem würde ich nicht auf die Idee kommen, hautenge Stretchhosen anzuziehen. Das ist nämlich das, was mich nachdenklich gemacht hat: Wie schaffen es die Menschen, sich morgens vor dem Kleiderschrank für das am wenigsten Vorteilhafte zu entscheiden? Was geht da in deren Köpfen vor? 

“Hm, was könnte ich wohl heute anziehen, das möglichst viel Aufmerksamkeit auf meine wabbelnden Backen legt? Oh ja, die Stretchhose! Denn von allen Bekleidungsoptionen, die mein Schrank hergibt, kaschiert diese meine unangesagte Figur am allerwenigsten. Toll.”

Und als wäre der Stretch nicht schon genug, setzt die Gute noch einen obendrauf: Leopardenmuster. 

Lieber Anno, ich will hoffen, dass wir bis in Deine Zeit die Leoparden nicht auf dem Gewissen haben. Wenn doch, schlage im Lexikon bitte nach, wie deren Fell aussieht. Der Sinn des Leopardenmusters ist jedenfalls Tarnung in der Savanne. Der Leopard will von seinem zukünftigen Essen beim Anschleichen ja nicht entdeckt werden. 

Aber in der urbanen Wildnis der Menschen, da dreht sich die Bedeutung des Leopardenmusters um: Aus der Tarnung wird ein Hingucker. Leopardenmustertragende Frauen wollen wahrgenommen werden. Andernfalls würden sie grau tragen. Leopardenmuster und Unauffälligkeit, das sind logische Widersprüche.

Ich kann Dir nicht sagen, Anno, wessen Idee es war, Leopardenmuster auf Übergrößenstretchstoffe zu drucken. Ich kann Dir nur sagen, dass ich das für eine sehr dumme Idee halte. Hautenge, leopardengemusterte Stretchhosen entfalten bei vorbeiwabernden übergroßen Damenhintern eine geradezu hypnotische Wirkung. Es ist wie Gaffen bei einem Unfall: Man muss sich selbst dazu zwingen, wegzusehen, und kann es doch nicht. Die Faszination des Grauens ist zu groß.

Im Museum habe ich bislang jedenfalls noch keine Leopardenmuster gesehen. Zumindest keines, das kein echtes Fell war. Ausgestellt werden da immer nur die ausgemusterten Klamotten von König*innen und Fürst*innen und Feldherr*innen. Teure Stoffe, die sich natürlich lohnten, aufzubewahren. 

Ich will hoffen, dass nun keiner auf die Idee kommt, Leopardenstretchhosen aufzubewahren, um sie irgendwann, vielleicht in 500 Jahren, auszustellen. Ich stelle mir vor, wie Du, Anno, durchs Museum gehst und dort an einer hageren Schaufensterpuppe des 21. Jahrhunderts vorbeischlenderst, an der eine übergroße Leopardenstretchhose hängt, und Du die Beschreibung liest: “Stretchhose mit Leopardenmuster, Alltagsbekleidung heiratswilliger Frauen Anfang des 21. Jahrhunderts, Übergröße” und Dir dann versuchst, einen Reim aus alledem zu machen.

Kopfschütteln? Mir geht es genauso.

Aber, fairerweise, ich will eine Beobachtung hinzufügen, die Dir sicher ebenfalls aufgefallen sein wird: Die junge Frau führt einen jungen Mann an der Hand mit sich, der offensichtlich dem Versprechen des Leopardenmusters erlegen ist. Einfach toll, was die Liebe alles geradebiegen kann. 

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