#5: Wie sollen wir die Tiere schützen, wenn uns sogar die Menschen egal sind

Lieber Anno, das Land streitet über Schlachthöfe. Genauer gesagt, es streitet über die Arbeitsbedingungen derjenigen Menschen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, täglich in unvorstellbaren Mengen Tiere zu töten und deren Körper in kleine und kleinste Teile zu zerlegen, damit Menschen nur wenig Geld bezahlen müssen, um möglichst viel Fleisch vertilgen zu können.

Es fällt mir schwer, Dir das Problem nachvollziehbar darzulegen. Weil ich mir nicht vorstellen kann, wie die Menschen des 26. Jahrhunderts über Fleisch denken – ob es nicht schon seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten vom Speiseplan der Menschheit gestrichen worden ist? Vorstellen kann ich mir jedenfalls, dass Du und Deine Zeitgenossen keine Tiere mehr töten, um sie zu essen.

Möglicherweise deshalb, weil sich die vegane Ernährungsform, die gegenwärtig noch sehr jung ist, allgemein längst durchgesetzt hat und nur derjenige, der den Wortursprung im Wörterbuch nachschlägt, versteht, dass anstelle der Kohlrabischeibe zwischen der Schnitzelpanade einst ein plattgehauenes Stück Tierleiche steckte.

Die Vorstellung, Fleisch zu essen, mag für Euch längst barbarisch und geradezu ekelerregend sein; der letzte Zeitzeuge, der noch dabei zusah, wie seine Großmutter das abgeschnittene und gebratene Stück eines Lebewesens zwischen den Zähnen zerkaute und herunterschluckte – wir hatten ja nichts anderes – ist längst verstorben und kann nicht mehr davon berichten, wie es schmeckte.

Sollte dies der Fall sein, Anno, wie sollte ich Dir dann erklären können, was gegenwärtig in meinem Land passiert? Wir sind weit davon entfernt, Tiere anständig zu behandeln, wir sind ja noch nicht einmal in der Lage, Menschen anständig zu behandeln. Als wäre das Töten von Lebewesen nicht schon schrecklich genug, knebeln Schlachthöfe ihre Fließbandschlachter in schrecklichen Arbeitsverträgen und beuten damit nicht bloß deren Psyche, sondern auch deren Geldbeutel aus.

Die Politik tut nun sehr überrascht, reagiert empört und denkt laut drüber nach, große Schlachthöfe zu verbieten. Vermutlich wirst Du darüber nur Deinen Kopf schütteln: „Schlachthöfe verbieten? Warum nicht gleich das Schlachten verbieten?“ Nun, Du musst wissen, dass die Menschen in meiner Gegenwart sehr, sehr, sehr gerne Fleisch essen. Auch, wenn sie es gar nicht müssen, um satt zu werden.

Sinnvoll wäre es jedenfalls, wenn die Menschen nicht erst in 500 Jahren das Fleischessen sein ließen. Schließlich ist es mit dem Fleisch auf unserem Teller so, wie mit allen Dingen: Zu viel des Guten und das Gute wird gefährlich: für das Klima, für den Mensch und für die Tiere sowieso. Wir wissen längst um die schlimmen Folgen unseres Fleischkonsums, aber weil wir nicht lange genug leben, um die Folgen selbst ausbaden zu müssen, hören wir nicht auf, Steaks und Würste zu grillen.

Wer weiß, vielleicht hast Du ja auch ein wenig Verständnis für die Menschheit des 21. Jahrhunderts. Weil Du auch den Geschmack von gegrillten Steaks und Würsten magst. Aber anders als wir müssen Du und Deine Zeitgenossen längst keine Tiere mehr töten, um an das Fleisch zu kommen.

Immerhin sind Nahrungsmittelforscher im Jahr 2020 schon längst damit beschäftigt, Fleisch in Reagenzgläsern herzustellen. Im Grunde bedeutet das, dass wir bald Steaks und Würste haben werden, ohne dass auch nur ein einziges Tier dafür leiden müsste. Aber vor der Vorstellung, künstlich gezüchtetes Fleisch zu essen, graust es den meisten Menschen. Diese Hemmschwelle werden wir erst noch nehmen müssen.

Verrückt, nicht wahr? Vor Fleisch von Tieren, die mit künstlich entwickeltem Energiefutter fett gemästet wurden und ihr armseliges Leben lang in kleinen Stellen verbringen mussten und mit Antibiotika vollgepumpt wurden, damit sie nicht wegen Krankheiten notgeschlachtet werden müssen, und die dann in Schlachthöfe transportiert wurden, um dort maschinell von ausgebeuteten Lohnsklaven getötet und zerstückelt zu werden, vor diesem Fleisch graust es den Menschen weniger als vor künstlichem Fleisch, das all dies hinfällig machen würde.

Ich habe es Dir anfangs gesagt, lieber Anno, es fällt mir schwer, Dir das Problem nachvollziehbar darzulegen. Was das Fleisch anbelangt, ist das, was im Augenblick auf der Welt passiert, allenfalls mit Wirtschaftlichkeit zu erklären, aber schlichtweg nicht mit Vernunft.

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anno#5