#4: In 50 Jahren fordert das Meer einen Leuchtturm als Tribut

Lieber Anno, wenn Du das liest, wird es den alten Leuchtturm, an dem ich heute vorübergegangen bin, lange schon nicht mehr geben. Sofern er jedenfalls nicht versetzt worden ist. Woher ich das wissen will? Ob ich nun doch in die Zukunft blicken kann?

Nein, sicherlich nicht. Aber in gewisser Weise ist es möglich, die Zukunft ein Stück weit zu berechnen. Wenigstens im Falle des Leuchtturms an der Ostseeküste in Darß. Denn die Wellen, die der Wind von Westen her an die Küste weht, fordern jedes Jahr einen ganzen Meter Land als Tribut für das Wohlbefinden, dass sie den Badenden dort bereiten.

Ein ganzer Meter jedes Jahr! Das ist viel, finde ich. In zwei Jahren schon wird die Stelle, an der ich heute auf meinem Badetuch verweilte, im Meer versunken sein und Krebse sich darin einbuddeln.

Und in 50 Jahren – denn 50 Meter trennen den Turm noch von der Küste – wird das salzige Wasser das Fundament des Leuchtturms erreicht haben und es umspülen und stetig aushöhlen und bald darauf wird es den Turm nicht mehr tragen können, was dessen Ende besiegeln wird.

222 Jahre lang wird der Leuchtturm dann den Schiffen auf der Ostsee den Weg gewiesen haben, denn 1848 wurde er erbaut.

Das ist gewiss eine lange Zeit, aber keineswegs eine Ewigkeit. Für Dich und Deine Zeitgenossen und auch für alle Deine Vorfahren wird er lange schon keine Bedeutung mehr haben. Ihr werdet ihn nicht vergessen haben, denn das würde bedeuten, ihr hättet ihn irgendwann einmal gekannt, aber lange bevor ihr ihn je würdet kennenlernen können, wird er längst in Vergessenheit geraten sein. So, als ob es ihn nie gegeben haben wird.

Und ich meine sogar, dass das nicht einmal schade ist.

Denn die Dinge sind vergänglich. Daran können wir nichts ändern. Auch Leuchttürme, die aus festem Stein gemauert wurden und jedem Orkan die Stirn zu bieten imstande sind, werden einmal zerbrechen, denn – so sagt ein Sprichwort, das schon zu meiner Zeit alt ist – der stete Tropfen höhlt den Stein.

Ich – mit meinen 40 Jahren – könnte das Ende des Leuchtturms sogar noch miterleben. 90 – das ist ein hohes Alter zwar, aber eines, dass ich mit einem gesunden Lebenswandel durchaus erreichen kann. Vielleicht werde ich in 50 Jahren, 2070, noch einmal an die Ostsee fahren und schauen, wie es um den Leuchtturm bestellt sein wird.

Dann werde ich Dir noch einmal vom Leuchtturm in Darß schreiben. Für Dich liegen nur Sekunden dazwischen, für mich mein halbes Leben.

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anno#4