#3: Ich hoffe, die Menschheit vertrödelt nicht ihre Zeit

Lieber Anno, wenn sie bis in Dein Jahrhundert überdauert haben sollte, dann besuche bitte die Stadt Rothenburg ob der Tauber. Sie befindet sich in Bayern. Gewiss, sie hat schon mehrere Kriege überstanden, wurde nie vollständig zerstört und liebevoll wieder aufgebaut. Aber nur weil das 500 Jahre lang so war, heißt das nicht, dass das weitere 500 Jahre so sein wird. Ich hoffe, dass Du die Gelegenheit haben wirst, Rothenburg mit eigenen Augen zu sehen. Ich will hoffen, dass sie sich weitere 500 Jahre so halten wird, wie sie sich mir gezeigt hat.

Für uns Menschen des 21. Jahrhunderts wirkt Rothenburg wie eine Zeitkapsel. Ihre Gemäuer und Türme sind Zeugen eines mittelalterlichen Stadtlebens, wie es in einer fernen Vergangenheit einmal üblich gewesen sein soll. Vergiss bitte nicht, dass das Mittelalter für mich ebenso lange her ist wie meine eigene Gegenwart für Dich: sehr, sehr lange.

Ich weiß nicht, wie das Leben damals war, ich war ja nicht dabei. Aber ich kann es mir ausmalen, wenn ich darüber lese oder mir Überbleibsel aus dieser Zeit ansehe. Sicherlich, da war viel schönes dabei: Zuckerbäcker, Schmiede, Märchenerzähler. Aber auch Soldaten, Henker und Folterknechte. Dann graust es mir, ich gebe es zu, dann läuft es mir kalt über den Rücken. Dann empfinde ich Abscheu. Wie konnten die Menschen damals nur so grausam sein? Wie konnten sie derart kaltblütig foltern und ernsthaft glauben, dass es Hexen gibt und dass es sinnvoll wäre, sie zu verbrennen? Wie konnten sich die Menschen damals gegenseitig nur so viel Leid zufügen? Waren das alles Psychopathen?

Aber dann schaue ich mir meine eigene Gegenwart an. Und versinke in Scham. Ich weiß nicht, wie ich Dir das erklären soll. In Mitteleuropa sind wir humanistisch zwar schon so weit fortgeschritten, weil wir öffentlich keine Hexen mehr verbrennen. Aber nicht einmal so etwas Grundlegendes wie dieses gilt für die ganze Welt. Noch immer gibt es Flecken dieser Erde, wo Menschen als Hexer bezichtigt und getötet werden. Unvorstellbar.

Es gibt auch immer noch Länder, obwohl sie sehr reich sind und auch schon an das neumodische Internet angeschlossen sind – über das wir ja alle Zugang zum Wissen der Welt haben – und auch hochgebildete Gelehrte haben, die an Universitäten Recht oder Medizin oder Philosophie studierten, trotz alledem, das Fortschritt nahelegt, gibt es also immer noch Länder, die erlauben, dass Menschen so lange mit Steinen beworfen werden, bis sie sterben. Währenddessen ich das schreibe, werden irgendwo auf der Welt Menschen gefoltert und getötet und Frauen werden beschnitten und vergewaltigt – nicht, weil sie Verbrechen zum Opfer fallen, sondern weil regierende Menschen das so angeordnet haben oder wenigstens akzeptieren, dass es so ist.

Es bricht mir geradezu das Herz, wenn ich das aufschreibe. Ich kann es selbst kaum glauben, dass ich – der ich im Zeitalter der Menschenrechte aufgeklärt wurde – Dir kaum glaubhaft machen kann, nicht auch noch immer im Mittelalter zu leben, so wie damals vor 500 Jahren in Rothenburg, wo die Geschichte lebendig wird.

So zum Beispiel, dass Juden vor 500 Jahren am Stadtrand leben mussten, weil sie im Zentrum nicht erwünscht waren. Dann schüttele ich natürlich fassungslos den Kopf über die Absurditäten der Vergangenheit und muss mir im gleichen Gedankengang eingestehen, dass wir mit dem Antisemitismus heutzutage nicht besonders viel weiter sind. Gewiss, Du wirst lesen, dass unsere Verfassung – falls sie nicht mehr existieren sollte, suche im Lexikon nach dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland – jegliche religiöse Diskriminierung verbietet, aber das bedeutet nicht, dass es keine Menschen mehr gibt, die Anschläge auf Juden verüben, einfach nur deshalb, weil sie Juden sind.

Mein lieber Anno, der zweite Weltkrieg ist gerade mal 75 Jahre her, da ich das schreibe. Zwischen Dir und mir liegen 500 Jahre. Ich bin nicht gläubig, aber weiß nicht, was ich tun soll, außer zu Gott beten, dass die Menschen in der Zwischenzeit die Menschenrechte feiern und sich am Riemen reißen werden. Ich will nicht, dass Du einmal durch die Stadt, in der ich lebe, schlendern wirst, so wie ich durch Rothenburg, und dabei das Gefühl bekommst, dass die Menschheit die 500 Jahre zwischen uns geistig vertrödelt hat. Dieses Gefühl drängt sich mir jedenfalls auf, wenn ich sehe, wie Menschen vor 500 Jahren einmal lebten.

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